Billig ist nicht gleich günstig

Billig ist nicht gleich günstig Alan Galecki

Alan Galecki ist kein Unbekannter im Investor Stories Podcast. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Aktien und Fundamentalanalysen. Seine Erkenntnisse teilt er unter anderem auf seinem englischsprachigen Blog Financial Engineering. In dieser Podcast-Folge geht es erneut tief hinein in die Welt der Aktienbewertungen, Unternehmensbilanzen und Investmentthesen – und um die Frage, wo sich trotz schwieriger Rahmenbedingungen interessante Chancen finden lassen.

Shownotes zum Talk mit Alan Galecki

Webseite von Alan

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Zusammenfassung des Interviews mit Alan Galecki

Ein gutes Beispiel für die Denkweise “Billig ist nicht gleich günstig” ist PayPal. Die Aktie ist massiv von ihren früheren Höchstständen zurückgekommen und wirkt auf den ersten Blick günstig. Für Galecki ist das jedoch noch lange kein Kaufargument. Seiner Einschätzung nach hat PayPal einen wesentlichen Teil seines früheren Wettbewerbsvorteils verloren. Der klassische, markenbasierte PayPal-Checkout wächst kaum noch, während das schneller wachsende Geschäft im Hintergrund weniger attraktiv ist. Auch Venmo ist vor allem auf den US-Markt beschränkt. Die aggressive Aktienrückkaufpolitik und die weiterhin solide Bilanz seien zwar positiv. Sie ersetzen jedoch keine überzeugende Wachstumsperspektive. Eine Übernahme – etwa durch ein Unternehmen wie Stripe – könne ebenfalls nicht die eigentliche Investmentthese sein. Galeckis Grundsatz lautet daher: Eine Aktie sollte auch ohne Übernahmespekulationen attraktiv sein.

Nicht jede defensive Aktie ist wirklich defensiv

Besonders kritisch blickt Galecki auf Unternehmen, die traditionell als defensive Investments gelten. Lebensmittelhersteller oder Konsumgüterkonzerne profitieren zwar grundsätzlich von alltäglichen Bedürfnissen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass ihre Aktien sicher sind. Inflation, gestiegene Zinsen und höhere Finanzierungskosten treffen viele dieser Unternehmen. Gleichzeitig fehlt es teilweise an Preissetzungsmacht. Erhöhen die Unternehmen ihre Preise, verlieren sie Absatz an günstigere Eigenmarken. Halten sie die Preise niedrig, leiden die Margen.

Hinzu kommen hohe Schulden und Bilanzen, die aus seiner Sicht teilweise weniger solide sind, als es der Ruf der Unternehmen vermuten lässt. Die Kombination aus stagnierendem Geschäft, steigenden Finanzierungskosten und hohen immateriellen Vermögenswerten kann damit zu einem erheblichen Problem werden. Auch die veränderte Zinslandschaft spielt für Galecki eine wichtige Rolle. Wenn Staatsanleihen wieder attraktive Renditen bieten, müssen sich Aktieninvestments stärker gegen diese risikoärmere Alternative behaupten. Für hoch bewertete Unternehmen kann das erheblichen Druck auf die Bewertung bedeuten.

Die Suche nach dem antizyklischen Investment

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen hält Galecki wenig davon, sich einfach aus dem Aktienmarkt zurückzuziehen. Er sucht stattdessen gezielt nach Situationen, bei denen die öffentliche Meinung möglicherweise zu eindeutig geworden ist. Ein Beispiel ist Vista Energy. Das Unternehmen ist im argentinischen Vaca-Muerta-Gebiet aktiv und profitiert von der Entwicklung der dortigen Öl- und Gasförderung. Galecki schätzt insbesondere die niedrigen Förderkosten, das Management und die Fähigkeit des Unternehmens, in schwierigen Marktphasen durch Übernahmen zu wachsen.

Dabei ist ihm wichtig, dass die Investmentthese nicht ausschließlich auf einem steigenden Ölpreis basiert. Vista Energy steigert gleichzeitig seine Fördermengen. Dadurch treffen steigende Rohstoffpreise auf organisches Wachstum – eine Kombination, die für Galecki besonders interessant ist. Allerdings ist der Case stark von der politischen Entwicklung Argentiniens abhängig. Ein politischer Kurswechsel zurück zu einer stärker sozialistischen Politik könnte die Investmentthese erheblich beschädigen.

Kohl’s: Mehr als nur ein angeschlagener Einzelhändler

Ein weiterer spannender Fall ist für Galecki die US-Kaufhauskette Kohl’s. Das Unternehmen kämpft zwar mit Onlinehandel und einer schwachen Konsumentwicklung und gehört zu den stark leerverkauften Aktien am US-Markt. Gleichzeitig steckt hinter Kohl’s eine interessante Vermögensstory: Ein großer Teil der Immobilien befindet sich im eigenen Besitz. Galecki sieht darin einen erheblichen Wert, der aus seiner Sicht an der Börse nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Zudem hat das Unternehmen seine Bilanz gestärkt, Schulden reduziert und seine Liquidität verbessert. Aktienrückkäufe könnten zusätzlichen Wert schaffen. Als weitere Option sieht Galecki sogar ein mögliches Interesse von Amazon, das sich damit relativ günstig eine bestehende Infrastruktur mit zahlreichen Standorten sichern könnte.

Der Case zeigt exemplarisch, wonach Galecki sucht: Nicht einfach nach Unternehmen, deren Aktien stark gefallen sind, sondern nach Unternehmen, bei denen ein Marktpreis möglicherweise nicht alle Vermögenswerte und zukünftigen Optionen berücksichtigt.

Gegenmeinungen als Werkzeug für bessere Investmententscheidungen

Eine der interessantesten Aussagen des Gesprächs betrifft letztlich nicht eine einzelne Aktie, sondern den Investmentprozess. Galecki beobachtet bewusst, welche Aktien in den sozialen Medien immer wieder als „offensichtliche Kaufchance“ angepriesen werden. Wenn überall dieselbe Meinung zu finden ist, wird er eher skeptisch. Denn an der Börse liege die Mehrheit eben nicht automatisch richtig.

Noch wichtiger: Eine Investmentthese sollte nicht nur auf dem möglichen Kursanstieg basieren. Es brauche einen nachvollziehbaren Grund, warum sich der Wert des Unternehmens verbessern könnte – beispielsweise Wachstum, eine operative Verbesserung, eine attraktive Bewertung oder einen konkreten Katalysator. Genau deshalb können auch Gegenargumente wertvoll sein. Wer von einer Aktie überzeugt ist, sollte sich laut Galecki bewusst mit den stärksten Argumenten gegen die eigene Position auseinandersetzen. Das hilft dabei, die eigene „Conviction“ zu überprüfen und zwischen einer fundierten Investmentthese und bloßer Hoffnung zu unterscheiden.

Fazit

Alan Galeckis Investmentansatz lässt sich damit auf einen einfachen, aber anspruchsvollen Nenner bringen: Nicht das suchen, was billig aussieht – sondern das, was unterbewertet ist.

Dafür braucht es einen kritischen Blick auf Geschäftsmodelle, Bilanzen und Bewertungen. Gleichzeitig darf man die großen Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld – von Inflation und Zinsen bis hin zu Geopolitik und Deglobalisierung – nicht ignorieren.

Ob PayPal, Vista Energy, Kohl’s oder die vermeintlich defensiven Konsumgüterkonzerne: Spannend wird es immer dann, wenn die verbreitete Marktmeinung und die eigene fundamentale Analyse auseinanderliegen. Genau dort entstehen für Galecki die interessantesten Investmentchancen – aber eben auch die größten Risiken, wenn die eigene These nicht stimmt.